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Hausverkauf mit emotionalem Stress



Seelenhaus

Vor sehr langer Zeit waren wir auf der Suche nach einem grösseren Zuhause für die Schamanenstube. Damals fanden wir ein Traumhaus in Thal auf der Appenzeller Strassenseite. Dieses Haus konnten wir nicht erwerben, weil unser Geld für die Bieterrunden nicht gereicht hat. Das brachte uns zur heutigen Schamanenstube.

Gerade sind wir dabei das Haus wieder zu verkaufen, das uns die letzten zehn Jahre Schutz, Wärme und Geborgenheit bot. Das ist ein grosser Schritt für uns. Wir entschliessen uns, unser Haus ohne Bieterrunden zu verkaufen. Es soll niemand das Gefühl bekommen, nicht genug Geld für seinen Traum zu haben. So haben wir Menschen gesucht und gefunden, die für uns emotional stimmen. Wichtigstes Kriterium ist die Tierliebe. Um die Stube herum gibt es viele wilde Tiere, wie viele Spatzen, Meisli, Rotkelchen, Wintergoldhähnchen, Amseln, drei Tauben, Buntspechte, Elstern und ab und an den Sperber. Im Garten gibt es den Igel, die Eichhörnchen, den Feuersalamander und sicher noch Tiere, die wir nur gehört haben. Der Teich wird von einer Libelle jedes Jahr bewacht, damit der Frosch seine Ruhe hat. Ebenso paddeln kleine Molche im Teich wohlig umher.

Diese Tiergattungen in einem Facebook-Inserat zu nennen führt zum Verbot des Inserats. Die Bots von Facebook haben entschieden, dass wir wohl Tiere über Facebook verkaufen wollen. Selbst nach eingelegtem Widerspruch gelten wir für das Fratzenbuch neu als Tierhändler. Facebook ist definitiv nicht für einen Hausverkauf brauchbar.


Makler für den Hausverkauf?

Makler fallen für uns in die Kategorie unanständiger, kompetenzfreier Lügner. Warum sollten wir jemanden engagieren, der auch nur an den bekannten Stellen inserieren kann? Können Makler bessere Fotos machen und Texte für Inserate schreiben als wir? - Nein. Wir wurden von ca. 150 Maklern als Reaktion auf unser Inserat angeschrieben oder von ihnen angerufen. Die Anrufer haben wir gefragt, ob sie lesen können. Im Inserat steht: "Makler unerwünscht". Selbst sogenannt namhafte und grosse Maklerbüros durften sich von uns anhören, wie die Schulzeit in der Primarschule abläuft: "Können Sie sich bitte notieren: Aa Bb Cc".
In unserem Briefkasten finden sich dicke Dossiers, teilweise mit Schöggeli drauf, in denen herausgestellt wird, wie gut die Makler seien. Wir konnten solche Ordnungen noch nicht mal als Schoggi runterbringen. Wir legen alles in die Rundablage. Es ist nicht nötig, einen Makler zu engagieren. Wir können bestätigen, dass man ohne Makler zu Käufern kommt. Wenn man sich etwas Zeit für Fotos, eventuell ein Video und einen Text über sein Haus nimmt, finden sich genug Käufer.
Wir mussten damals bei unserem Hauskauf erst einmal den Makler loswerden und haben ihn rausgekauft. Das liess einen anständigeren Hauskauf zu. Das Hauptargument von Maklern ist ihre sogenannte Datenbank mit potentiellen Kunden. Wir meinen aber, wer ein Haus kaufen will, der schaut sich selbst um. Insofern sind alle Namen auf so einer Liste keine Käufer für unser Haus.


In der Hand der Natur

Wir legen den ersten Entscheid für in Frage kommende Käufer auf dem Umgang mit Tieren. Das können wir natürlich nicht testen. Aber wir können schauen, wie die Natur auf die jeweiligen Käufer reagiert. Ebenso achten wir darauf, wie das Haus selbst reagiert. Bei den allerersten ist zum Beispiel ein Bild herunter gefallen, das seit zehn Jahren an seinem Platz hing. Ein Bild von Avalon mit einem gespannten Pfeilbogen. Das liess uns aufmerksam werden: "Passt auf!". Der Marktwert unseres Hauses wäre in der derzeitigen Immobiliensituation um eine halbe Million höher als der von uns ausgerufene Preis. Wie gesagt: keiner soll das Gefühl haben, dass sein Geld nicht reiche.
Das erste Paar wollte handeln, also gingen wir ein wenig runter. Dann wollte es mit nicht wirklich stichhaltigen Argumenten weiter handeln. Die Ordnung durch das herunterfallende Bild und einer zusätzlich geplatzten Glühbirne war besiegelt. Nein danke. Wir handeln nicht mit euch und setzen den Preis wieder rauf.


Emotionale Auf und Abs

Wir haben diesem Haus viel zu verdanken. Es hat uns nach kurzem anfänglichem Rumgezicke sehr viel ermöglicht. Die riesigen und hohen Räume haben uns und unsere Kunden weit nach vorne gebracht. Das hier ist unser Traumhaus. Könnten wir es mitnehmen, würden wir es einpacken.

Es gibt nach dem ersten Paar gleich weitere interessierte Paare. Das erste hat sehr schöne Zeiten mit uns am Tisch verbracht, geplaudert, erzählt und sie haben sich auch emotional etwas geöffnet. Zwischendurch gab es Aussagen, die uns innerlich aufschrecken liessen. Da wurden Dinge im Gespräch umgedreht und versucht, emotional Druck aufzubauen. - Wir haben uns gefragt, ob sie sich wohl unsere Website überhaupt etwas angesehen haben? Wir unterrichten emotionales Wahrnehmen. Könnte es sein, dass wir emotionale Spielereien wahrnehmen können?

Das Ganze lief wie ein Greedy Therapie-Gespräch mit Reflektionen: wo sind die schönen Dinge, wo sind wir emotional daran, uns abzuwenden? Aber wir selbst sind nicht die einzigen, die Wirkungen wahrnehmen. Bei einem dieser Gespräche haben wir gehört, wie die Elstern draussen Alarm schlugen. Zufälligerweise verliessen die potentiellen Käufer das Haus über den Wintergarten und haben das gar nicht mitbekommen. Als wir danach ums Haus gingen, um die Haustür zu schliessen, bemerken wir draussen ein Schlachtfeld. Mitten drin sitzt der Sperber und fliegt davon, als er uns sieht. Er hat eine der drei Tauben über den ganzen Sitzplatz und den Garten verteilt.
Tags darauf sehen wir die zwei übrigen Tauben und wissen: es war die stets zerzauste dritte Taube. Es kommt das Gefühl auf: für das Haus es ist Zeit, mit Altem aufzuräumen. Wir machen eine schamanische Reise zum Hausgeist. Er meint nur: "es ist, was ist". Später am Abend kommt die Frage der Käufer: verkauft ihr uns das Haus? - Wir sagen ja, das können wir uns vorstellen.


Solange nichts verkauft ist, ist alles unsicher

Wir machen gemeinsam einen Plan aus, wie der Hauskauf und alles drum herum laufen sollen. Wann macht wer was, was machen wir noch am Haus etc. - Alles steht, ein gutes Gefühl.
Leider verstreichen fast zwei Monate und wir merken, wie wir unsere Termine nicht mehr guten Gewissens aufrecht erhalten können. Unsere Planung kippt. Es gibt einen Zeitplan, wann der Termin für das Zahlungsversprechen der Bank ist und wir dann den Termin beim Grundbuchamt machen können. Das gab uns die Möglichkeit, Termine auf Madeira zu machen und ein Mietshaus zu reservieren.
Nach langer Wartezeit wird uns mitgeteilt: nein, sie werden die abgemachten Termine nicht einhalten können. Man erklärt uns, wir könnten ja trotzdem den Termin beim Grundbuchamt machen, auch ohne ein unwiderrufliches Zahlungsversprechen. Stopp! So war das nicht abgemacht. Wir haben besprochen, wie das laufen soll und wir alle waren einverstanden. Wir fragen drei Mal nach, ob das wirklich so gemeint ist. Drei Mal bestätigt man uns, wir könnten es ja anders als abgemacht machen. In uns steigt grosses Misstrauen auf. Unsere Zusage platzt. Fast zwei Monate für ein Zahlungsversprechen und dann den Ablauf umdrehen? - Unser Vertrauen ist weg.

Wir durchleben Tage des Nachdenken, des Hineinfühlens und Abwägen, wo ist unsere Ehre durch das Verraten-Werden verletzt und warum genau fühlen wir uns jetzt betrogen. Verträge sind uns wichtig, die bricht man nicht und sagt dann, man sei ja selbst schuld, wenn man den Termin jetzt nicht auf Gutglauben mache. Unsere Verkaufszusage und die ganze Planung ist nichtig. Wir entschliessen uns jetzt alles anders zu machen.


Der Schnellere gewinnt

Wir entschliessen uns allen mitzuteilen: wer zuerst unterschreibt, dem gehört das Haus. Die Inserate liefen permanent weiter und neue Interessenten durchliefen das Kennenlernen. Und ja, es gibt gleich nach dem Entscheid "der Schnellere gewinnt" Interessenten, bei denen die Natur reagiert: alles ist friedlich, der Buntspecht turnt an den Stangen rund ums Vogelhaus herum, das Eichhörnchen zeigt sich sogar zweimal direkt am Teich, als wir am Tisch mit Käufern sitzen und es sehen können.
Es fühlte sich gut für uns an, als wir die Verantwortung über den Hauskauf dem Haus und der Natur selbst überliessen. Nach dem Startschuss sind gleich dreieinhalb Parteien da. Alle drei Paare passen auf ihre Weise zum Haus und zur Natur.

"Der Schnellere gewinnt" - was für eine dumme Idee!
Das ältere Paar ist geschockt. Das verstehen wir gänzlich nicht. Schliesslich haben sie sich nicht an die Abmachung gehalten. Das jüngere Paar schafft es in kürzester Zeit alle Unterlagen richtig zusammen zu stellen und schickt uns das Zahlungsversprechen. Wir staunen, dass das anscheinend doch zügig gehen kann. Bravo!

Ab jetzt überschlagen sich die Ereignisse im Minutentakt. Seit drei Wochen ging unser Garagentor nicht mehr ganz zu. Also lassen wir es reparieren. Bevor der Monteur kommt, fahren wir zum Einkaufen. Just in dieser Zeit trifft das Versprechen der Jüngeren ein. Tja - das Garagentor funktioniert vor der Reparatur wieder. Das Grundbuchamt ruft an, während der Monteur am Tor arbeitet und mögliche Fehler sucht. Das jüngere Paar hat den Termin. Gleich darauf ruft das ältere Paar an und hat es möglich gemacht, die Unterlagen auf einmal sehr schnell zu haben (vorher mussten wir fast zwei Monate warten). Das dritte Telefon ist das Grundbuchamt, das einen früheren Termin mit dem älteren Paar ausgemacht hat. Der Monteur ist mittlerweile weg. Und die Tür des Tors geht nicht mehr zu. Keuchust!

Abgeschlossen ist es erst, wenn der letzte Kugelschreiber vom Kaufvertrag abgehoben wird. Es gibt ein drittes Paar. Ihnen teilen wir alles mit. Sie wollen auf Standby bleiben und warten, was passiert. Es ist, was ist. Anderentags geht die Türe zu als wäre es nie anders gewesen. Hallo Hausgeist, spinnst du?


Sich selbst bemächtigendes Helfersyndrom

Wir können mit dem älteren Paar sprechen. Sie sind im Moment vorne. Wir wollen herausfinden, warum sie sich nicht an die mündliche Abmachung gehalten haben. - Es geht sehr lange im Gespräch, bis ihnen trotz klaren Nennens überhaupt bewusst wird, was sie getan haben. Wir sitzen auf unserer Bank und hören zu. Irgendwann kristallisiert sich heraus, dass man die Änderung der Abmachung uns zu Liebe machen wollte. - Sie hätten gemerkt, dass wir uns unsicher und gestresst gefühlt hätten und wollten uns damit helfen. Das liege am Helfersyndrom.

Wir wissen um die grosse Gefahr von Helfersyndromen. Leider haben das sehr viele Menschen, sogar solche die legitimiert mit anderen Menschen arbeiten. Dieses Helfersyndrom hat in diesem Fall dazu geführt, dass sie vertragsbrüchig wurden. Es ist eine Anmassung, Aktionen durchzuführen, weil man denkt, man helfe damit. Hilfe wird nur zu Teil, wenn darum gebeten wird. Alles andere empfinden wir als übergriffig.

Mit dem Verstehen, weshalb man den Ablauf ändern wollte, müssen wir in die Selbstreflektion. Ein Mitleid wegen attestiertem Helfersyndrom würde so oder so dazu führen, dass wir die Käufer nicht mehr wollen. Aber das wäre eine Reaktion von uns und der Verkaufsentscheid liegt gar nicht bei uns, er liegt beim Haus. Dennoch müssen wir damit klar kommen. Unser Nachdenken nach dem Treffen führt uns zurück zum Gedanken an die Natur. Wir haben von Beginn an als eine Art Zuni-Ritual der Natur die Entscheidung abgegeben. Damit sind unsere Empfindungen aussen vor. Eigentlich mögen wir die beiden Käufer - bis auf das Syndrom. Wir belassen ihre emotionalen Fehler in ihren Systemen. Wir legen uns schlafen.


Der Entscheid

Das jüngere Paar meldet sich per Mail noch während unserem Gespräch mit dem älteren Paar. Sie schreiben, dass sie aufgeben. Sie können keinen früheren Termin realisieren. Das Mail sehen wir erst am anderen Morgen. Damit ist die Sache definitiv entschieden. Das Rennen hat das ältere Paar gemacht.

Unsere Bank wollte das Zahlungsversprechen, um die Penalty des leicht vorzeitigen Ausstiegs aus unserer Hypothek anschauen zu können und alles richtig in die Wege zu leiten. Wir sprechen mit der Bank, dass die ursprüngliche Art, wie wir verkaufen wollten, jetzt doch anders läuft. Wir können das klären. Wir müssen einfach am Tag der Unterschrift das Zahlungsversprechen der Bank zustellen.

Unsere Termine auf Madeira sind mittlerweile längst hinfällig. Die aktuelle Omikron Corona-Variante macht zudem Portugalreisen schwierig. Nach der Unterschrift werden wir alles neu organisieren müssen. Die Zusagen, was und wann was in der Phase bis zur Schlüsselübergabe passieren wird, sind alle hinfällig. Wir werden das erst wieder anschauen, nachdem wir uns aus diesem ganzen Prozess gelöst haben. Wir haben momentan die Nase voll. Mittlerweile ist hier Schnee gefallen. Für die Vögel draussen haben wir Speckschwarten zum Picken.


Grundbuchamt

Die Unterschrift wird geleistet. Damit ist für uns diese emotionale Reise des Verkaufens vorbei. Der Tag verläuft sehr schön und harmonisch. Ein schönes Abendessen krönt die Unterschriften. Was wir nicht wussten: das ist nur ein Kaufvertrag. Sicherheit für die Käufer gibt es erst beim Eintrag ins Grundbuch. Das ist uns nicht recht. Es lässt sich aber nicht ändern, sonst müssten die Käufer die Steuern für 2021 bezahlen. Wir müssen den Eintrag nächstes Jahr kurz vor der Übergabe machen. Ob das ein gutes Gefühl bei den Käufern gibt? - Wir stehen so oder so zu unserem Wort. Nach dieser ganzen Odyssee können wir verstehen, dass eine Unsicherheit bleibt. Das Grundbuchamt ist hier nicht hilfreich. Schade. Aber da müssen alle jetzt halt durch. Wir brauchen eine Auszeit.

Wie man ein Haus für alle auf schöne Weise verkauft, können wir nicht beantworten. Wir hätten es gerne so gemacht. Jetzt ist alles klar und gegessen. Einen Tipp für den Verkauf eines Hauses haben wir nicht. Wir können nur sagen: Makler braucht es nicht, Käufer finden sich mehr als genug. Einfach etwas Geduld haben.

Wir sehen die Freude in den Augen der Käufer. Jetzt ist alles gut.





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