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Schamanenstube schreibt über Schamanismus-Therapie

Auf verlorenem Posten zu kämpfen ist Teil des Trauerprozesses. Die Hoffnung auf ein Wunder kann die Vorbereitung auf den Verlust durch Nicht-Wahrhaben-Wollen nähren. Lässt sich das abwenden?

Jan
2017

24


Schneemann

Nicht wahrhaben wollen


Manchmal kämpfen wir auf verlorenem Posten. Dem mittel-europäischen Schneemann droht zum Beispiel das Schicksal des Schmelzens. Gehen wir davon aus, die Schneemänner wissen davon. Jede neue Schneeflocke bestätigt sie darin, dass es sinnvoll, ehrenhaft und erstrebenswert ist, nicht zum Nordpol zu fahren. Sie bleiben stur stehen. Warum kämpft man manchmal auf verlorenem Posten?
Die Art und Weise, wie wir auf verlorenem Posten mutig weiter machen, birgt vielleicht Hinweise auf dieses Warum. Die Schneeschmelze ist zwar bekannt, doch die Lebensqualität erscheint höher, wenn man davon ausgeht, der Frühling sei ein Ammenmärchen. Um sich nicht schämen zu müssen, dass man seine Kraft in etwas Aussichtsloses steckt, gibt man vor, man wüsse nichts über Jahreszeiten. Man will es nicht wahr haben. Das ist ein aktives Verneinen, eine aktive Wissensverneinung. Man bleibt in der aufgebauten Hoffnung stehen und übt schon mal das Überrascht-Sein, wenn das Schmelzen dann doch beginnt. Damit konnte man ja nicht rechnen. Das hat für Schneemänner z.B. den Vorteil, dass sie sich in Unschuld sonnen können. Sie sind fein raus, auch mit dem Verlust Ihres Daseins.


Hoffnung auf ein Wunder?

Spannenderweise ist das Hoffen auf das Wunder des ewigen Winters nur ein vorgespieltes Hoffen. Da kein Schneemann je einen früheren Schneemann eines anderen Winters getroffen hat, besteht durchaus die Chance, dass das mit dem Frühling wirklich nicht wahr ist. Die Rechtfertigung kann so weit gehen, dass Schneemänner gegen die infame Lüge des Frühjahrs auf Demos protestieren. Dabei wird mit vielen Argumenten gekämpft, um den verlorenen Posten zu schützen. Die Hoffnung auf das Wunder birgt in sich den Vorteil: man muss sich nicht bewegen. Hierbei geht es nicht um Faulheit, sondern um ein instinktives Stehenbleiben. Sie kennen das vielleicht von Arbeitsstellen, mit denen Sie schon abgeschlossen haben. Man kann locker noch ein ganzes Jahr dort verbringen. Während dieser Zeit sucht man nur punktuell nach einer neuen Stelle. Der Stillstand, den jede Hoffnung mit sich bringt, hat noch einen anderen Sinn: er scheint einen an der Trauer zu hindern. Es ist ja noch nicht so weit.


Der Trauerprozess

Verena Kast und viele andere haben den Prozess des Trauerns sehr genau analysiert. Die beiden ersten Phasen der Trauer sind das "Nicht-Wahrhaben-Wollen" und die Wut. Beide finden sich in den Lebens-Maximen der Schneemänner wieder: "Der Frühling ist eine Erfindung" und die aggressive Demonstration mit Besen, andere Meinungen über ein Ende des Winters vehement zu bekämpfen. Das Kämpfen auf verlorenem Posten könnte somit ein Teil des Trauerprozesses sein. Der Stillstand der Hoffnung ist damit ein Verkeilen in Vermeidungen des Nicht-Wahrhaben-Wollens.
In den meisten Fällen ist das Kämpfen auf verlorenem Posten keine bewusste Aktion. Dieser Mechanismus der Trauervermeidung läuft unbewusst ab. Es bleibt die therapeutische Beschäftigung mit diesem Vorgang oder das schamanische Reisen. Letzteres führt hinab an die Gestade des Tränensees. Am Fusse des Berges der Verdrängung kehrt eine Ruhe ein. Viele Hügel und Bergketten verhindern die Sicht auf die Schneeschmelze. Hier wirkt der Frühling so weit entfernt, dass man bezweifeln kann, ob er wirklich existiert. Und sollte doch von irgendwo her eine Kunde über warme Sonnenstrahlen diese Region der Geistwelt erreichen, sind Rechtfertigung, Zweifel, Wut und Lüge schnell zur Stelle. "Das stimmt alles nicht", erhallt es aus den Tälern der Vermeidung. Die Kraft der Wut lässt sich trotzig umsetzen: "Und ich bleibe hier!"


Welle des Lebens

Die Vorbereitung auf den Verlust

Nehmen wir den unbewussten Prozess der Trauer als Taktgeber für den Zustand auf den verlorenen Posten, so eröffnet sich ein Gedanke: vielleicht ist das Kämpfen auf verlorenem Posten nur die Vorbereitung auf den Verlust. Man wäre damit schon mitten drin im Trauerprozess. Das macht die Standhaftigkeit der Schneemänner fast absurd: obwohl sie es nicht wollen, bereiten sie sich auf ihren Verlust vor. Das Verharren im Stillstand kann die Möglichkeit beinhalten, dass die unbewussten Vorgänge schon viel weiter fortgeschritten sind, als dass es einem bewusst ist. Damit kann man auch aussagen, dass das Kämpfen auf bereits verlorenem Posten nie zum Behalten des Postens führen wird.
Brauchen wir diese Vorbereitung auf Verluste? - Ja, denn man kann sich damit langsam dem Schock des Verlustes nähern und ihn abschwächen. Es wird leichter, wenn man Zeit hat, sich dem Prozess in Ruhe hinzugeben. Der Schock des Verlustes wird durch den Stillstand des Nicht-Wahrhaben-Wollens verarbeitet und die Wut durch das Wehren gegen die Veränderung. So läuft alles in den natürlichen Prozess-Phasen des Lebens. Es ist also keine Präkognition, kein Erahnen eines künftigen Ereignisses, sondern ein Bewegen darauf zu, wenn man sich alles schön redet. Das lange Bleiben auf verlorenen Posten birgt auch Nachteile. Je mehr Zeit vergeht, je näher kommt man dem Verlust. Ängste können aufsteigen, das Gefühl von Sicherheit weicht einem verlorenen Zustand. Aus Wut kann Verzweiflung werden, die bis zum Aufgeben führt. Ohnmächtig liegen die Reste des Schneemanns auf der Frühlingswiese.


Abwenden des Verlustes

Wenn man weiss, dass man auf verlorenem Posten kämpft, weiss man auch, dass man die Trauer nährt. Damit gibt man emotional den Weg vor, der unweigerlich zum Verlust führt. Man baut mit der Sturheit an den Ordnungen, die den Verlust begünstigen. Spätestens wenn Ängste sich melden, könnte man diesen Prozessweg vielleicht noch verlassen. Im Schamanismus sind Ordnungen sehr bildhaft: sie führen erst dazu, dass geschieht, was man in diesem Beispiel hier verhindern will. Man ist ja auf dem Weg dorthin. Diesen Weg zu verlassen, ist aber selten die Lösung für ein Abwenden des Verlustes. Vielleicht kann man sich fragen, was man denn tut, damit der ganze Weg bis hin zum Verlust eine Existenzberechtigung hat. Wir werfen die These auf, dass die Neuorientierung vor dem Verlust möglich sein könnte. Die Neuorientierung bestünde im Falle des verlorenen Postens in einer inneren Änderung der Lebensgewohnheiten. So wird aus dem Schneemann vielleicht ein Osterhase, bevor der Frühling kommt.





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