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Schamanenstube schreibt über Schamanismus-Therapie

Funktioniert Loslassen wirklich? - Ein Blick hinter die Kulissen des Trauer-Prozesses und des Unsinns des Loslassens

Dez
2015

24


Ärger

Das musst du loslassen!


Die Begegnung mit einem sehr lieben Menschen, psychologisch geschult, NLPler und vieles mehr, bewegt uns gerade. Er sagt, er hat viele Dinge loslassen können. Das nennt er zuerst, als er uns begegnet. Es scheint also wichtig. Es ist aber nicht die Angst vor uns, dass wir uns auf Probleme stürzen würden, sondern dient eher einem Erzählen von Erfolgen. So werden die Heldentaten berichtet. All das hat er also losgelassen.
Wir merken in der Folge, dass all seine genannten neuen Probleme genau die Dinge beschreiben, die er ja losgelassen hat. Wir fragen uns: macht Loslassen überhaupt Sinn?

Was ist Loslassen?

Die Definition "Loslassen" können wir aus der Schamanismus Therapie nicht wirklich festlegen, weil Loslassen gar nicht zum Repertoire dieser Therapie-Form gehört. Wir versuchen es: Loslassen meint, an Problemen, Verhaltensmustern, Ereignissen oder Bedürfnissen nicht mehr festzuhalten, weil einem dieses Festhalten nicht gut tut. Zuweilen wird auch davon gesprochen, Vergangenes loszulassen. Man spricht von schlechten Erlebnissen, die keinen guten Einfluss auf das heutige Leben haben. So scheint das Loslassen der Verbesserung der Lebensqualität zu dienen - zumindest auf den ersten Blick. Wie sieht es langfristig aus?


Loslassen bedingt ein Festhalten

Extreme Beispiele für das Nicht-Funktionieren von Loslassen finden sich in Aussagen wie: "Du musst deine Kriegserlebnisse hinter dir lassen" oder "Du musst deine verstorbene Frau loslassen und nach vorne blicken".
Beide Ratschläge empfinden wir als pietätlos.
Warum ist das so?
Loslassen bedingt ein Festhalten. Dieses Festhalten wird als Fehler identifiziert und muss beseitigt werden: Therapie Ende. Das stellen wir ebenso in Frage.
Festhalten ist ein Akt, ein Tun. Hinter diesem Tun kann ein Bedürfnis stecken. Festhalten hat etwas mit Besitz zu tun. Man will etwas weiterhin als zugehörig betrachten. Dieses Loszulassende hat einen emotionalen Wert. Als Beispiel kann dieser Wert auch eine Bindung in Form von Liebe darstellen. Spätestens jetzt, wenn wir von diesem Wert und von Liebe sprechen, wird das Loslassen zu einem unehrenhaften Tun, was die Pietät verletzen kann.
Durch einen mit Überzeugungskraft predigenden Therapeuten motiviert, wird in einem Ritual oder einem therapeutischen Setting das Loslassen durchgeführt. In dem Moment, da es getan wird, erscheint es richtig und zukunftsorientiert. Einige Zeit später ist schlichtweg alles wieder beim Alten. Begegnet man dem nächsten Therapeuten, ist es wichtig, zu erwähnen, was man schon alles losgelassen hat. Da muss also noch etwas Zusätzliches sein, weshalb es einem immer noch nicht besser geht. Das Loslassen selbst wird nicht in Frage gestellt. Dass der Akt des Loslassens einen Selbstbetrug darstellen könnte, mag man sich nur schon aufgrund der Aufwände für die Sitzungen nicht eingestehen.
Man wird uns psychologische Ketzer nennen:


Loslassen führt zu unschuldigen Vermeidungen

Ja, das ist ein harter Ausspruch, der erst einmal erklärt werden muss. Ein Loslassen ist der Akt, etwas was man gerne weiter hätte, wegzuschieben. Was passiert jetzt damit, wohin wird es geschoben? - Die einzigen Ziele, die uns in den Sinn kommen sind Verdrängung, Unschuld und Vergessen. Etwas wegzuschieben heisst ja nicht zu verarbeiten, sondern sich dessen zu entledigen. Man erinnere sich vielleicht kurz an das Beispiel der verstorbenen Frau oben.
Die Unschuld tut so, als wäre nichts geschehen oder man käme mit dem Geschehen klar. Schön ist, dass man dazu nicht verarbeiten musste, sondern man konnte einfach loslassen. Kollegen der Unschuld sind die Rechtfertigung und die Lüge: "nein, nein, das habe ich auch längst verarbeitet".
Wir sind noch niemandem begegnet, der mit solchen einläutenden Rechtfertigungen nicht genau das eigentliche Problem benennen würde. Wenn etwas verarbeitet ist, kann man liebevoll darauf zurückschauen und sich daran stärken (Wehmut und Bestimmung - Gefühlslehre). Doch das scheint beim Loslassen nicht der Fall zu sein.
Rein schamanisch gesprochen: Loslassen könnte auch Seelenteilverlust nach sich ziehen, würde man es denn wirklich tun. Wir denken aber, man kann das gar nicht ernsthaft tun.
Was kann man denn sonst tun, wenn loslassen nicht gehen soll?


Der natürliche Weg der Trauer

Die Verführung der Hilfe zum Loslassen zeigt sich im Prozess der Trauer. Die Trauer bietet einige Auswege vor ihrem eigentlich Akt, den wir als Loslassen identifizieren, aber kein Loslassen ist. Die Neuorientierung bedingt kein Loslassen. Hier findet sich unserer Meinung nach der Irrtum. Der schwierigste Teil des Trauerprozesses ist das Verarbeiten. Davor fürchtet man sich, denn es scheint zu beinhalten, Geliebtes nach der Trauer nicht mehr zu haben. Liebe folgt der Ordnung des Besitzes. Ein Mensch will an und in der Trauer weiter festhalten. Woher wir die Idee haben, dass durch die Trauer etwas losgelassen wird, können wir nicht gänzlich erklären. Jedenfalls weichen wir dem Wesen der Trauer lieber aus. Damit denken wir, wir bewahren, was unser ist. Hier bieten sich Traurigkeit, Gram, Unschuld und weitere leidvolle Nischen zur Aufbewahrung an.
Wird jemand an die Gestaden der Trauer begleitet oder begibt sich jemand selbst mutig dorthin, stellt man jedes Mal fest: es wird im Akt des Trauerns nicht losgelassen, sondern integriert und mitgenommen. Der gefürchtete Verlust findet in der Trauer gar nicht statt. Somit ist auch kein Loslassen nötig. Die Liebe wird bewahrt durch Integration.


Die Angst vor der Trauer

Die Gefühlslehre der Schamanismus Therapie unterscheidet die Begrifflichkeiten Trauer und Traurigkeit. Letztere ist ein Zustand, den viele Menschen aufgrund der Nähe zu den Ebenen der Erfahrung als lebenserfahren oder auch als Garant für "alte Seelen" bezeichnen. Leider gibt es in der Traurigkeit einen sehr negativen Aspekt: die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit birgt einen Stillstand in sich. Man hält an der Hoffnung der besseren Vergangenheit fest. Das macht für emotionale Prozesse grossen Sinn: man betritt immer wieder die Trauerphase des "Nicht-Wahrhaben-Wollens". Man will sich nicht der Realität des erlittenen Verlustes stellen. Er ist ja schon passiert. Sich dem zu stellen, würde heissen, den Verlust abermals erleben zu müssen und das Verlorene tatsächlich zu verlieren. Solange diese Phase auftaucht, gibt es die Möglichkeit, sich mit dem Verlust zu entwickeln. Loslassen in diesem Fall findet vielleicht in aufkommender Wut statt. Diese braucht eine Bedrohung, damit sie sich mit Angst weiter antreiben kann. Aber loslassen, wofür man kämpft? Jede Form des Verlustes lässt uns innerlich aufstehen und uns versuchen, das Verlorene wieder zu gewinnen. Dazu brauchen wir ein Wehren. Wenn einem jemand etwas wegnimmt, hat man den Impuls, es sich zurück zu holen. Dazu braucht es emotionale Reaktionen wie Wut und das Wehren. Die Einsicht eines echten Verlustes können wir nur schwer erleben. Noch schlimmer: wir würden das Verlorene verraten, wenn wir für real nehmen würden, dass es nicht mehr da ist.
Sich in diesem Dilemma Hilfe zu suchen, ist sinnvoll. Was man heute sehr schnell findet sind Loslass-"Therapeuten". Einem solchen Therapeuten wird eine gewisse Macht attestiert, die oft geschickt in der dosierten Anwendung von Trost ausgespielt wird.


Loslassen

Loslassen? Echt jetzt?



Integration statt Loslassen

Wird bei der Integration etwas losgelassen? Nein, denn man nimmt die Kraft der Bindung zum Verlust in sich auf und gibt dem Verlorenen einen lebensbegleitenden Platz. Die Integration ist der Moment, da die Trauer den Verlust in die Arme nimmt und sich mit ihm zusammen wieder in eine Zukunft bewegt. Alles, was man dabei loslässt, ist der Stillstand der Traurigkeit. Die Verarbeitung dabei ist in der Anerkennung der Vergangenheit und der Bewegung mit dem Verlust in die Zukunft zu finden.
Diese Verarbeitung ist nicht einfach. Sie beinhaltet grosse Schritte wie die Überwindung der drohenden Reue und des Findens des Mutes, sein Leben neu zu gestalten. Leben ist in diesem Prozess die Bewegung selbst. Die Schamanenstube hält das Gebiet um die Trauer für eine sehr wichtige Befähigung zur eigenen Entwicklung.
Loslassen soll in unseren Augen nur ein schnelles Mittel sein, aus der Phase des Stillstandes rauskatapultiert zu werden. Aber unser Unterbewusstsein ist nicht so einfach zu übertölpeln: wir kehren wieder zurück.
In der Schamanismus Therapie ist es verpönt, solche Loslass-Rituale durchzuführen: sie dienen nicht der langfristigen Verbesserung der Lebensqualität. Die Integration gehört dazu. Als Verkaufsargument können wir Loslass-Rituale verstehen. Das suchen Menschen nun einmal. Das heisst aber nicht, dass man die Integration nicht als Teil solcher rituellen Begleitungen einflechte. Das setzt voraus, dass man über die Integration Bescheid weiss.

  • Kristallwolf schreibt am 01.04.2016

    Trauer ist für mich nicht die Angst mich mit dem Tod konfrontieren zu müssen, mich dem zu stellen was geschieht, ich habe den Tod von 3 Katzen erleben müssen, nachdem ich versuchte sie davor zu bewahren, ihr Tod war für mich Real und ein Teil meines Herz durchbohrend, die Traumatische Situation sie zu verlieren in das andere Reich das für mich nicht erreichbar war und ihr Kampf ums Leben das war das härteste und sie nicht mehr bei mir zu haben auch wenn ich weis sie sind in höheren Ebenen. Ich habe auch mir anhören müssen - Laß los laß sie gehen - als wäre es möglich nach dem Tod mit dem Schmerz normal und leichter zu leben das ist es nicht.
  • Schamanenstube schreibt am 02.04.2016

    Ja, das ist es nicht.
  • Eulundra schreibt am 01.05.2016

    Ein wirklich guter und sehr gelungener Artikel!
    Ich bin froh ihn gefunden zu haben und lesen zu dürfen.
  • Schamanenstube schreibt am 01.05.2016

    Liebe Eulundra
    Wir freuen uns über Deine Worte. Herzliche Grüsse aus der Schamanenstube!
  • the_pilgrim schreibt am 09.05.2016

    Liebe Schamanenstube,

    ohne über Schamanismus irgend etwas zu wissen, bin ich (notgedrungen) intuitiv den Weg der Integration gegangen - mit dem Resultat, dass das Loslassen Stück für Stück stattgefunden hat, nicht aktiv, sondern passiv, als Ergebnis der erfolgreich gemeisterten Schritte.

    Es gab viele Menschen, die mir das Loslassen-Mantra immer und immer wieder vorgebetet haben, die mir weismachen wollten, dass ich durch die Beschäftigung mit der Problematik nur mich selbst belüge, mein Leiden verlängere und generell vermeide, mich den zu Grunde liegenden Problemen zu stellen. What can I say, sie lagen falsch.

    Fazit: ich bin ganz Deiner/Eurer Meinung. Loslassen ist ein Prozess, der erst dann geschieht, wenn die dazu nötigen Schritte gemacht wurden. Ein Ritual kann diese Schritte nicht ersetzen, höchstens den nächsten anstoßen - wenn man Glück hat. Trauer, Wut, Angst, Scham, Verzeihen... das sind alles Teile des Ganzen, die nicht husch-husch weggezaubert werden können.
  • Schamanenstube schreibt am 09.05.2016

    Liebe(r) Pilgrim
    Danke für Deinen wertvollen Beitrag.
    Herzliche Grüsse aus der Schamanenstube
  • Reto Hubli schreibt am 23.04.2017

    Liebe Schamanenstube
    Bei der Recherche zum Thema loslassen bin auf euren Artikel gestossen. Ihr sprecht mir aus der Seele. Herzlichen Dank für diese tollen Überlegungen. Ich konnte das Wort loslassen schon nicht mehr hören, immer wenn mir jemand damit kam, kräuselten sich meine Nackenhaare. Nun bin ich nicht mehr alleine mit meiner Meinung.
  • Schamanenstube schreibt am 23.04.2017

    Lieber Reto, wir danken Dir für das Teilen Deiner Gedanken. Sie bestärken auch uns. Liebe Grüsse aus der Stube
  • Gast schreibt am 01.12.2017

    Danke für diesen Artikel. Ich werde mich damit jetzt intensiver auseinandersetzen. Ja, es geht immer um Trauer.




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